21. November 2012

Halb neun morgens klingelte das Handy: es war Frau S., die sich bei mir wegen des Lottoscheins bedanken wollte. Die ganze woche über hatte sie vergeblich darauf gewartet, dass ich wieder fahre, und nun war ich endlich da. Nein, leider war kein Gewinn auf dem Schein gewesen, aber trotzdem hatte er für eine gute Laune für den ganzen, sonst so grauen Montag gesichert, erzählte sie mir. War ja auch die Idee, meinte ich. Wir sprachen noch kurz über dies und jenes und legten dann auf. So, jetzt abwarten, was passiert, dachte ich mir.

Und tatsächlich später am gleichen Tag, so gegen zwei Uhr, nahm Frau S. die Rolle von Frau Fortuna. Sobald ich Erster geworden war, kam ein Fahrauftragsangebot mit einer klaren Verzögerung von fast 10 Minuten durch. Auf dem Auftrag steht nämlich immer auf die Sekunde die Uhrzeit, wo die Bestellung von der Zentrale angenommen worden ist. Und diesmal dauerte ihre Weitervermittlung ganze acht Minuten, wo sie normalerweise binnen 30 Sekunden gemacht werden kann. Auf dem Auftrag war noch eine Kleinigkeit drauf, woran ich eindeutig Frau S. erkannte. Schade. Sie hätte das nicht tun sollen. Freude war nicht das Wort, das meine Gefühle in dem Moment beschrieb.

Die semi-dicke Fahrt von rund 105 € nach Puutikkala in Luopioinen lehnte ich trotzdem nicht ab, sondern fuhr noch als Krönung auf dem Rückweg ein älteres Paar von Pälkäne nach Tampere für 65 €. Als ich wieder am Unikliniukum stand, hatte ich während der kleinen Rundfahrt 170 € verdient. Wir werden sehen, wie die Geschichte mit frau S. weitergehen wird, aber über ihre bisherige Entwicklung bin ich ehrlich gesagt sehr besorgt.

19. November 2012

Habe ein wirtschaftlich gutes Wochenende hinter mir, am Samstag fuhr ich in 13 Stunden einen stolzen Umsatz von 597, 40 € ein, und die Nacht zuvor war auch keineswegs schlecht gewesen: knapp über 400 € in neun Stunden. Morgen werde ich ausnahmsweise eine Tagschicht fahren. Wie die Geschichte mit Frau S. und mit dem Lottoschein ausgegangen ist, werden wir dann auch endlich erfahren.

Die Mutter meiner Kinder und ein lesbisches Paar, das unsere enge Familienfreunde sind, (oder soll ich sagen: waren, da die Familie nicht mehr gibt) bildeten am Freitag eine fröhliche Gesellschaft, die ich nach Hause fahren durfte. Über die Zeit hatte das Paar natürlich die Entwicklung der Beziehung zwischen der Mutter meiner Kinder und mir mitbekommen, sie aber bisher in keiner Weise kommentiert. Als wir vor ihrem Haus standen, gab mir die eine plötzlich ihre Hand und sagte mit bewegter Stimme:
"Du bist trotzdem ein guter Mann."
Untypisch für mich versuchte ich diesmal nicht, ein unerwartetes Lob mit einem blöden, sarkastischen Scherz herunterzuspielen, sondern bedankte mich nur. Dass diese Aussage von einer Frau kam, die nicht auf Männer stand, schien ihr besonderes viel Bedeutung zu verleihen. Ich war nun irgendwie objektivisch und wertneutral betrachtet ein guter Mann. Und eine solche Kreatur begegnete man doch nur ganz, ganz selten. Ich hatte also allen Grund, stolz zu sein, wenn auch nur vorübergehend.

15. November 2012


Kühlschrank eines alleinstehenden Mannes, der nicht trinkt.

13. November 2012



Am Freitag bekam ich eine im Prinzip tolle Fahrt vom Uniklinikum via Hattula nach Nastola. In der Praxis lief sie alles anders als toll. Aber beginnen wir doch mal von vorne. 

Kurz vor eins war der Auftragsangebot da: 2 Personen von der Herzabteilung abholen, die erste in Hämeenlinna und die zweite in Nastola absetzen. Soweit so gut. Ich fuhr mit dem Fahrstuhl in den 3. Stock und wurde gleich fündig: die Frau aus Nastola wartete in ihrem Zimmer auf dem Bett sitzend auf mich. Und der Herr aus Hämeenlinna? Wo war er? Nirgends. Er war verschwunden. Die Dame und ich gingen runter. Sie setzte sich in den Wagen und ich ging nochmal ins Büro der Taxizentrale und fragte Frau S., ob mein Fahrgast sich bei ihr gemeldet hatte? Nein, hatte er nicht. Mist. Lange konnten wir nicht mehr warten. Ich ging noch mal raus, um zu sehen, ob der Herr nicht eine rauchen gegangen wäre. 
"Warte! Ich habe einen Fahrgast für dich", rief Frau S. mir hinterher. Diese Frau hier will nach Parola."
Unglaublich! Parola ist ja praktisch Hämeenlinna. Frau S. machte die notwendigen Ändrungen am Fahrauftrag, löschte die Personalangaben des verschollenen Mannes aus und ersetzte sie durch die der Frau, die wie ein Geschenk aus dem Himmel aufgetaucht war.

Als ich die erste Frau in Parola abgesetzt hatte, rief ich Frau S. an, weil die Frau Nummer 2 einen Besuch in der Apotheke nötig hatte. Das ist erlaubt, man muss es nur in den Auftrag als zusätzliche Information hinzufügen. Alles paletti, versicherte Frau S. und sagte, sie riefe mich noch mal an. Tat sie auch, kurz bevor wir Lahti erreicht hatten. Ich sei ein unglaublicher Glückspilz, meinte Frau S. am Telefon. Sie habe mich bereits länger beobachtet -ich sollte aber doch nicht glauben, sie verfolge mich!-, und sie war der Ansicht, dass wenn jemand es drauf hat mit den langen Touren, dann ich. Mit so viel Glück sollte ich  mal einen Lottoschein für sie ausfüllen. Dann erzählte sie mir noch, dass der Herr aus Hämeenlinna auch schon aufgetaucht war, 50 Minuten später. Er hatte gedacht, er habe Zeit, sich ein bisschen umzusehen vor der Abfahrt. Er habe schließlich ein Auto nur für sich bekommen, und nun waren endlich alle froh: Frau S., der Herr und der Fahrer, der eine dicke Fahrt bekommen hatte.

Was für ein Glückspilz ich eigentlich war, zeigte sich kurz vor Nastola, als der Alptraum jeden Taxlers Wirklichkeit wurde: Ohne Vorwarnung schaltete sich der Taxameter aus. In Bruchteil der Sekunde waren 260,10 € weg. Ein absoluter Horror. Unsere Boardrechner laufen auf Windows 7, und in dem Moment, als der Touchscreen schwarz wurde, ging mein wärmstes Dankeschön nach Redmond in Washington. Ich schaltete den Boardcomputer erneut an, aber der Betrag war verschwunden. Als wir endlich in Nastola waren, kostete laut der Höllenmaschine eine Fahrt von Tampere über Parola nach Nastola gerade mal 17, 50€!

Das Glück bei der Sache war, dass der Auftrag selbst intakt auf der Speicherplatte geblieben war. Man könnte also nachher die Strecke berechnen und eine Rechnung erstellen. Außerdem waren die 260,10 € unter "Unproduktive Fahrt" gebracht worden. Kein Problem also, sowohl der Cheffe wie ich dürften unser Geld bekommen. Auf der Rückfahrt kaufte ich ein Lotto-Los für frau S. Nur so, als Scherz. Am Uniklinikum gab ich es der interne Post für die Lieferung. Die Ziehung fand am Samstag statt, Frau S. durfte ihr Los heute erhalten haben. Mal sehen, ob sie noch am kommenden Freitag auf Arbeit ist.

Was mich bei der Sache stört, findet seinen Ausdruck in der Frage: Ist Frau S. meine Frau Fortuna? Warum hat sie mich im Wagen angerufen? Das war auch nicht das erste Mal. Was will sie von mir? Gott helfe mir, wenn die Kollegen etwas davon erfahren. Ich habe bereits einen Spitznamen bekommen: "Der Langfahrtenmagnet", und von dem ist es nur ein kleiner Schritt zum aktuellen Verdacht auf unsauberes Spiel.

8. November 2012


Mal eine Meldung aus der dunklen Seite meines Lebens, der Uni. Bis Ende dieses Monats will ich meine Magisterarbeit einreichen. Ich bin nah am Ball geblieben und mit dem Schreiben ganz gut vorangekommen. Bis gestern jedenfalls, als ich meinen Professor in der Mensa begegnete. Er kam zu mir und berichtete mir mit strahlendem Gesicht, dass es in Deutschland bereits einige Leute geben sollte, die meine Arbeit lesen möchten, sobald sie fertig ist.

O je! Die Nachricht hat mir kein bisschen geholfen. Bis dahin war ich nämlich immer davon ausgegangen, dass nachdem das Gutachten geschrieben ist, werden Magisterarbeiten in den Keller der Uni gebracht, wo sie fünfzig Jahre in den Regalen vergammeln, bis am Ende irgendjemand sie wegwirft. Zu viel Anstrengung war also nicht drin. Aber nun will jemand Interesse für meine Magisterarbeit gezeigt haben, und ich kann schon den erhöhten Leistungsdruck spüren.

6. November 2012


Formel 1. Räikkönen hat in Abu Dhabi gesiegt. Ich stehe nicht auf Motorsport und ich habe mir das Rennen auch nicht angesehen, aber nachher natürlich mitgegriegt, wie Räikkönen sich im Teamradio verhalten hat. Ich fand das Herrlich! Einfach herrlich. In einer Welt, in der diese kleinen PR-Boys mit ihren weißen Lächeln und äußerst korrekten Benehmen anderthalb Stunden lang Tabak- und Bierwerbungen in der Rennstrecke präsentieren (es ist meist echt langweilig) und dabei Millionen verdienen, ist der Räikkönen doch eine erfrischende Ausnahme. Findet ihr auch nicht?

Räikkönen kommt gerne nach Tampere und Kangasala, um sich mit seinen Freunden zu besaufen. Hier ist er so beliebt, dass einmal sogar ein ihm ähnlich aussehender, stockbesoffener Mann in Unterhosen, mit einer Gorilla-Maske drauf, Mitten auf Pirkankatu saß, und alle seine Papiere, darunter echt authentisch wirkende internationale Fahrer-Lizenz u.Ä., auf der Fahrbahn um ihn verstreut waren.

Aber ich habe eben nicht gesagt, dass das Kimi war. Dies nur als Hinweis für die Anwälte...

3. November 2012

Café Pikku Paussi, Koulukatu 18, Seinäjoki.


Gestern eine Frau nach Seinäjoki befördert: 280,50€. Vor der Rückfahrt Pause im Café Pikku Paussi, wie jedes Mal, wenn ich in Seinäjoki bin. In einer dunklen Strecke zwischen Parkano und Ikaalinen fuhr ich an einer Unfallstelle vorbei, wo ein Wolf angefahren worden war und im Scheinwerferlicht seines Töters auf der nassen Fahrbahn lag.

Vorweihnachtszeit mit den Firmenpartys hat gestern begonnen. Die kommenden Wochen werden zeigen, wie diese eher witzige Saison der Amateursäufer dieses Jahr wird. Ich erwarte nicht zuviel. Dank der weltweit schlechten Geschäftsaussichten dürfen viele Firmen die als Belohnung für die Mitarbeiter gedachten Partys abgesagt haben. Sie wissen, dass sie aus ihren Mitarbeitern derzeit auch ohne Extras alles rausholen können, weil diese Angst um ihren Job haben. 

Eine kalte Welt, in der wir leben.

1. November 2012

Blick aus dem Küchenfenster auf Takahuhdintie.


Der Tag des Umzugs. Habe heute fast alle meine Sachen rüber in die neue Wohnung geschafft und mir ist dabei etwas aufgefallen: Bisher war ich immer stolz darauf gewesen, dass ich notfalls mein Hab und Gut innerhalb von 20 Minuten loswerden würde, aber heute merkte ich, dass dies mittlerweile reine Illusion war: In vergangenen Jahren war einiges, hauptsächlich Fliegenfischruten und -rollen, Bücher und alte, geerbte Möbel, dazugekommen. Ein ganzer Haufen Dinge, die ich heute innerhalb von 20 Minuten weder loswerden könnte noch wollte.

30. Oktober 2012

Gestern Abend gegen 18 Uhr klingelte mein Handy und eine männliche Stimme erklärte sich bereit, mir seine Schulden von 13 € zu zahlen. Die Stimme gehörte einem jungen Mann, den ich vor zwei Wochen an Board gehabt hatte. Seine Karte war dermaßen beschädigt gewesen, dass der Kartenleser sie nicht akzeptiert hatte. Deshalb schuldete er mir nun Geld. Er rief mich vorher an -einige Tage später als ursprünglich geplant- und kam dann zu meiner Haustür, um seine Schulden zu zahlen, was ich wirklich angemessen fand.

Heute war dann ein Betrag von 12,80 € von einer jungen Dame auf mein Konto überwiesen worden. Die Banken hier sind so nett, dass wenn sie ihre Wartungsarbeiten machen, werden diese immer in der Nacht von Samstag auf Sonntag durchgeführt, weshalb keine Online-Zahlungen von Electron-Karten gerade in der Nacht, wo es viel los ist, durchgehen. 

Am vergangenen Wochenende wirkte jedoch die junge Frau, die sich als Skelett geschminkt und eine Pizzapackung auf dem Schoß hatte, so vertrauenserweckend auf mich, dass ich sie, nachdem sie versprochen hatte, mir das Geld umgehend zu überweisen, mit meiner Kontonummer in der Hand laufen ließ. 

Ein Skelett... Also wirklich, ich muss aufhören, meiner Kundschaft blind zu vertrauen. Eines Tages geht es in die Hose.

28. Oktober 2012

Kommunalwahltag heute. Für den Bürger sind sie die bedeutendsten Wahlen überhaupt, und auch ich mache mich jetzt auf den Weg zum Wahllokal. 

Vom Grundsatz her denke ich, es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, einen konservativen Mann zu wählen, aber ob ich meine Stimme einer knallroten Frau geben werde, bezweifele ich genau so.

26. Oktober 2012

Der Turm Näsinneula darf auch mal ein bisschen prahlen. 


Und später in der Nacht fiel der erste Schnee.


Sie sprach mit ihren Worten die unschließbare Lücke zwischen unseren  romantischen Vorstellugen von der Liebe und der Realität, in der oft Kräfte ganz anderer Art unser Handeln bestimmen, an. Sie war mit dem Typen bei mir in Koskikatu eingestiegen, und sie wollten nun gemeinsam nach Tesoma. Beide waren betrunken und kannten sich offensichlicht schon länger. Bald begann sie weinend zu klagen:
"Du liebst mich nicht. Woher weiß ich das? Du kannst nicht einmal laut sagen, dass du mich liebst. Du willst nur mit mir ins Bett. Doch. Aber ich glaube an Liebe. Und ich habe eine kleine Tochter. Wie soll ich ihr beibringen, dass es in dieser Welt Liebe gibt, wenn ich immer mit Arschlöchern wie dir rumhänge? Typen wie du zerstören mehr als ihr wisst. Verstehst du? Du hast keine Ahnung, was du alles kaputt machst! Wie soll meine Tochter je lernen, dass es Liebe gibt? Und trotzdem nehme ich dich jedesmal mit nach Hause."
Und er? Ihm ging die Pointe ganz verloren. Als er endlich am Zug war, begann er:
"Ich? Ich bin ein Arschloch? Ich kann auch aussteigen, wenn das so ist."
Super, dachte ich mir. Gleich dreimal "ich". Ein Vorzeigebeispiel, wie man anderen Leuten zuhört. Als wir dann in Tesoma eingetroffen waren, war wieder Ruhe eingekehrt. Er war doch nicht ausgestiegen und sie wollte immer noch, dass er zu ihr für die Nacht kommt. Er bezahlte mich, sie stiegen aus und gingen danach Hand in Hand ins Haus. Sie hatten sich in der realen Welt gefunden. Ich fand das romantisch. Und die Tochter? Ich war mir sicher, sie würde mit der Zeit ihre eigenen Erfahrungen mit den Männern -oder von mir aus auch mit den Frauen- machen und einsehen, dass im Liebesleben des Menschen Vollkommenheit eine Größe ist, die nicht existiert, obwohl wir zum Streben nach ihr verdammt sind.

24. Oktober 2012

Als Mann weiß ich eben, dass ich mir manchmal einiges von den verbal begabteren Frauen gefallen lassen muss. Bei den ganz alten Frauen hat sich z.B. der Sarkasmus oft zu einer hohen, genießbaren Kunst gereift. Genau wie bei der einen, die ich heute nach Nokia fuhr und die meine erste Bemerkung, die ich nach fünf Minuten Fahrzeit über ich weiß nicht mehr was machte, fröhlich konterte:
"Ach. Ich dachte du wärst stumm, aber das bist du gar nicht!"
Dann fuhr sie fort:
"Ich bin über 80. Ich habe mein gutes Aussehen, mein Sehvermögen, meine Bewegungsmöglichkeit und Kraft verloren. Ich habe nur noch eine bissige Zunge, aber das ist auch alles. Du sollst dich nicht beleidigt fühlen, junger Mann."
Peräseinäjoki, 265,30 €


Ein estischer LKW in Jalasjärvi. Wie hat er das nur geschafft? Zu seinem Glück besitzt jeder zweiter in der Gegend einen Traktor.


Teboil Tankstelle in Hämeenlinna, meine Lieblingsraststatt dort.

Am Montag bekam ich einen Fahrgast vom Bahnhof, den ich zum Uniklinikum fuhr. Einen Mann, der mir erzählte, dass er aus Peräseinäjoki wegen einer kleinen aber raren Operation gekommen war und hoffte, dass er noch am gleichen Tag entlassen würde. Wenn das so war, meinte ich, als wir bereits vorm Uniklinikum standen, und falls sie ihn mit dem Taxi nach Hause schicken würden, sollte er mich anrufen. Lange Touren wären meine Spezialität. Meine Nummer stünde auf dem Beleg. Okay, würde er machen, sagte er und stieg aus. 

Es war fast schon Mittag und ich hatte nichts vom ihm gehört. Ich fuhr zum Stand am Uniklinikum und bekam gleich eine Fahrt fast bis nach Ruovesi. Ja, ihr ahnt schon: als wir unterwegs waren, klingelte es und der Fahrgast von Morgen rief mich an. Mist! Ja, also, ich würde ihn schon abholen, aber es würde eben ein bisschen dauern - eine Dreiviertelstunde etwa. Ich war mir sicher, die dicke Fahrt wäre jetzt weg, denn er hätte schon sehen müssen, wieviele Taxen am Stand standen. "OK", sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Er gehe eben erstmal essen. Super! Ich trat auf das Pedal und legte die Strecke Uniklinikum - Kaanaa - Uniklinikum in Rekordzeit zurück. In einer Stunde war wieder am Uniklinikum, wo ich meinen treuen Fahrgast fand, der das lange Warten sehr gelassen nahm. Sowas käme eben vor manchmal, meinte er. Aber jetzt nichts wie los Richtung Peräseinäjoki!

Gestern war ich in Hämeenlinna, aber die verhältnismäßig lukrativste Tour war die von Prisma Kaleva nach Laalahdenkatu. Eine alte Tante hatte ich an Board, die, als wir in der Zieladresse standen und ich die Uhr bei 11,50 € ausschaltete, mir einen Zwanni gab und sagte, es würde stimmen, wenn ich ihre Einkäufe (zwei kleine Taschen) in den dritten Stock bringen würde. Aber selbstverständlich würde ich das! Ich hätte ihr auch ganz ohne Trinkgeld geholfen, aber sie bestand darauf, dass ich das Geld nehme, also tat ich das auch.

22. Oktober 2012

Die Mutter meiner Kinder und ich haben am Samstag den Kindern von der Trennug und von meinem Auszug erzählt. Alles endete überraschenderweise mit einem gemeinsamen Lachen, als unser ältester Sohn versuchte, die Tragödie in eigene Worte zu fassen:
"Papa macht jetzt einen Urlaub, der nicht zu Ende geht."

19. Oktober 2012

Ist Taxi wirklich teuer? Immer wieder bekomme ich von Fahrgästen zu hören, wie die Taxipreise astronomisch hoch sind und dass eigenes Auto viel billiger gewesen wäre. Ich möchte jetzt nicht auf die Diskussion über Privatautos eingehen, erwähne nur kurz, dass wenn man alle Unkosten eines Privatautos zusammenrechnet, ist es alles anderes als billig.

Aber ist in der Meckerei über die "zu hohen Taxipreisen" auch nicht ein "optischer Fehler", eine erhobene Einstellung eines urbanisierten Menschen drin? Wie bewegt sich der Mensch von Natur her? Mit dem Auto? Mit dem Bus vielleicht? Oder doch mit der U-Bahn? Nein, er geht zu Fuß. 


Wenn es also (wieder einmal) regnet und ich möchte nicht z.B. meine Einkäufe ewig durch die Gegend schleppen, oder wenn nachts keine Busse mehr fahren, ich aber müde bin und keine Lust habe, zu Fuß nach Hause zu gehen, wirken die 1,48 € pro Kilometer auf einmal doch nicht so furchbar hoch. Dann steige ich in ein Taxi (vorausgesetzt, ich kann es mir leisten) und jammere nicht nach meiner Entscheidung über die immerhin transparenten Taxipreise, die im Wagen zu sehen oder auf Nachfrage vom Fahrer erhältlich sind.

17. Oktober 2012

Taxen aus Hanko und Hyvinkää - und auch aus Tampere- vorm Meilahti Krankenhaus in Helsinki 


Eine Kuriosität der Taxitarifordnung in Finnland ist, dass in manchen Fällen die Gebühren sowohl eine Hin- als auch eine Rückfahrt beinhalten. Beispiel: Wenn ich einen Fahrgast von Tampere nach Nokia gefahren habe und er merkt, dass er doch etwas im Büro hat liegen lassen und wir müssen zurück, dann fahre ich ihn die Uhr auf "Kasse" geschaltet bis an die Stadtgrenze Tamperes zurück, wo ich die Uhr wieder einschalte (das ist, wenn wir die gleiche Strecke benutzen wie bei der Hinfahrt). Innerhalb des Gebietes der Stadt Tampere, oder des Ortes, wo die Fahrt begonnen hat, fährt man immer der Taxameter an. Nur wenn eine Ortsgrenze überquert wird, gilt diese Sonderregelung.

Am Montag kurz vor neun Uhr morgens bekam ich einen Fahrauftrag zur Beförderung einer Patientin und ihres Ehemannes zum Meilahti Krankenhaus in Helsinki. In der Abteilung erzählte mir die zuständige Krankenschwester, die Ehepaar habe eine Zahlungsverpflichtung für mich für die Fahrt nach Helsinki. Für die Rückfahrt zwei oder drei Stunden später hätten sie eine Weitere für ein Helsinkier Taxi. Moment mal, dachte ich. Offensichtlich kannte sie die Taxitarifordnung nicht. Ich erklärte ihr, dass zwei Fahrten "zum vollen Preis" den Klinikum doch wesentlich mehr kosten würde, als wenn ich drei Stunden,  jeweils 42 €, in Helsinki warten und die Patientin samt Ehemann danach praktisch kostenlos zurückbringen würde. Na wenn das so war, meinte die Krankenschwester, dann sollte ich eben warten. 

Die Reise dauerte insgesamt knapp über sechs Stunden und kostete 403 €, davon waren 106 € Wartezeit. Eine einfache Fahrt nach Helsinki hätte "nur" 270 € gemacht. Eine klare Win-win-Situation also: Weil ich meinen Mund aufbekommen habe, habe ich 130 € mehr verdient und der Uniklinikum hat 140 € erspart. Vorm Krankenhaus in Helsinki standen dutzende Taxen von außerhalb, die auf ihre Kunden warteten. Das gleiche Bild haben wir täglich in Tampere auch. Das basiert auf diese Sonderheit unserer Tarifordnung. Wenn man von weit genung kommt, ist es billiger, ein Taxi stundenlang warten lassen, als für die Hin- und Rückfahrten zwei Taxen zu benutzen.

Nur als Hinweis für die Geschäftsreisenden: Mal genau überlegen, was sinnvoll ist: ein Tampereer Taxi z.B. für einen Besuch in Papierfabrik in Jämsä zu bestellen und sich während der Fahrt dorthin fürs Meeting vorzubereiten und nachher (womöglich von einem deutschsprechenden Fahrer) entspannt, die Uhr auf Kasse, zurück fahren lassen, oder doch einen sauteuren Mietwagen zu reservieren, den man müde durch ein fremdes Land selbst hin und zurück fahren muss.

14. Oktober 2012

Evijärvi, 437,70 €. Der alte w211 wieder mal ordentlich im Einsatz. 


Ich sitze eindeutig zu viel am Uniklinikum. Am Freitag um 14.09 Uhr bekam ich einen Fahrauftrag, wonach ich einen Fahrgast von Abteilung abholen und fast bis nach Pietarsaari befördern sollte. Sobald ich die Abteilung betreten und mich vorgestellt hatte, sagte der Fahrgast, er hatte mich bereits öfters gesehen. Ach ja? Ja, meinte er. Er sei seit anderthalb Monaten im Krankenhaus, habe mich viele Male gesehen und immer gedacht, ich komme jemanden besuchen.

Ich weiß, dass ich mit den Fahraufträgen schon lange außerordentlich viel Glück gehabt habe, aber dass ich auch unter den Schwerkranken eine bekannte Figur geworden bin, das wusste ich nicht.

Am Freitag verdiente ich jedenfalls gutes Geld, brachte nach der Schicht noch einen geräucherten Lachs mit nach Hause und durfte mich zum ersten Mal seit langem über ein freies Wochende freuen.

10. Oktober 2012

Au weia! Habe mit dem Chef telefoniert. Sein neuer w212 ist von einem Ersatzfahrer demoliert worden. Da ich derzeit Nachtschichten nur an Wochenenden fahre, hatte er irgendeinen Deppen für die Schicht von Sonntag auf Montag gefunden, der dann seine neue Karre in einer Hinterhofeinfahrt in Lielahti in eine Säule fuhr. Jetzt sind beide Türe und der Außenspiegel der Fahrerseite im Eimer. Also muss der alte w211 mit einer Laufleistung von mehr als einer halben Million Kilometer  wieder in den Einsatz. 

Der Alte war beim Ausrasten. Zum Glück hatte ich etwas, womit ich ihn ablenken konnte. Mein ältester Sohn wird  am Donnerstag 10, und am Samstag kommen die Großeltern und andere bekannte Ewachsene zu Besuch. Im Tiefkühlschrank habe ich noch einen Lachs vom Sommer, der jetzt geräuchert werden soll. Der Chef hat einen Räucherofen und für Projekte wie dieses ist er immer bereit. Als wir den Vorgang planten, vergaß er für einen Moment seinen demolierten E-Klasse Mercedes. Am Freitag fahre ich sein Taxi und er räuchert den Lachs für die Geburtstagfeier meines Sohns.

9. Oktober 2012


View




Die Blondine sah schon bombastisch aus. Aber sie war so betrunken, dass sie sich auf den Beinen halten konnte nur, weil sie von ihrer Freundin unterstützt wurde. Ich war vom Stand, der keine 50 Meter entfernt war, vor die Tür des "Henry's Pub" bestellt worden, und daher bereits mit stark alkoholisierter Kundschaft gerechnet. Genau das bekam ich dann auch. Die Freundin half der Blondine beim Einsteigen, dann nannte sie eine Adresse in Armonkallio und schloss die Beifahrertür wieder. Wie jetzt? Hängt sie so lange am Leben bis wir dort sind?

"Fahr los! Kannst mich auch in der Y-Strasse absetzten. Ist das gleiche Haus", sagte die Blondine.
Ins Koma war sie also nicht gefallen. Super. Von Hämeenkatu kommt man wegen den ewig dauernden Bauarbeiten in Pellavatehtaankatu schlecht nach Armonkallio. Also fuhr ich auf Rautatienkatu, wo ich das Auto wendete, und fuhr dann weiter über die Kreuzung Richtung Armonkallio:
"Das gefällt alles der Polizei nicht so sehr, aber was kannst du machen?" 
"Es gibt auch ein paar andere Dinge, für die Du bereits einen Knöllchen von mir bekommen hättest", antwortete sie. 
"Zu deinem Berufsbild gehört das Verteilen von Verwarnungen?" 
"Ja..."
Sie versuchte vergeblich ihren Kopf hoch zu halten. Am Ziel fragte sie mich, ob ich vielleicht nicht so lieb sei und mit ihrem Hund kurz rausgehen würde. Nein, so lieb war ich nicht. Aber immerhin fragte ich sie, ob sie jetzt gut nach Hause kommen würde.
"Immer. Und wenn nicht, zum Glück kommst du mich dann retten, oder?"
Klar doch. Ich hielte den Beleg in der Hand; die Nummer für den Notfall wäre da drauf. Ob es meine Nummer war, wollte sie wissen. Nein, die der Firma. Möchte sie meine Nummer haben? Ja, das möchte sie. Hmm, lassen wir es lieber, sagte ich. Möchte sie nun den Beleg oder nicht? Nein, meinte die Detektivin enttäuscht. Wenn sie wissen möchte, welches Taxi sie nach Hause gebracht hat, würde sie diese Information von der Taxizentrale bekommen. Den Beleg dürfte ich behalten. 

Sie stieg aus und bewegte sich wackelig auf den Beinen, aber sehr entschlossen Richtung Hauseingang. Sie war wirklich eine gutaussehende Frau, gar keine Frage. Leider hatte sie einen falschen Beruf und 2 Promillen zu viel Alkohol im Blut für meinen Geschmack.

3. Oktober 2012



Wir werden überwacht. Alle. In Bahnhöfen, auf öffentlichen Plätzen, in Geschäften. Überall gibt es diese Überwachungskameras und irgendwo sitzt immer jemand, der uns beobachtet. Kein Problem, meinen die Befürwörter. Solange man nichts tut, dürften die Kameras einem von keiner Bedeutung sein. Schließlich sorgen sie für Ordnung und mit ihrer Hilfe wird öffentliche Sicherheit gewährleistet. Ganz so rosig ist es aber wirklich nicht. 



Am Sonntag letzter Woche war ich einkaufen in Prisma, in einem Automarkt bei mir in der Nähe, und hatte Fair Trade -Bananen gewogen und in den Korb gelegt, als ein Angehöriger des Wachpersonals angerannt kam. Er legte gleich los, wie auf der Waage die Nummer 15 für die Fair Trade-Bananen ist und die Billigbananen die Nummer 1 haben. Und ich sollte wirklich gut aufpassen, dass ich auf meinen Bananen den richtigen Preis draufklebe.


Ich nahm die Bananen aus dem Korb und zeigte dem Wachmann das Etikett: Fair Trade Bananen.  Dann sah ich rot und begann dieses Arschloch anzubrüllen: Was erlaubt er sich eigentlich, die Leute so zu stalken und sie dann auf diese unerhörte Weise vor allen anderen Kunden zu belästigen? Er will doch behaupten, dass ich stehle, stimmt's? Zuerst versuchte dieser Mann sich mit einer Ausrede zu retten: Er hatte doch nicht geglaubt, ich stehle, er sei nur gekommen, um mir Anweisungen zu geben. "Von wegen Anweisungen, du Arsch", brüllte ich zurück. "Du lügst ja auch noch!" Man habe einen Fehler gemacht, kommt ja vor, versuchte er. "Fahr zur Hölle!" antwortete ich. Wirklich reif von mir, ich weiß. Aber nach gerade mal fünf Stunden Schlaf bin ich wirklich kein netter Mensch und dann dies! Er hatte mich nicht einmal gefragt, ob er meine Einkäufe hätte mal sehen dürfen, sondern mich ohne weiteres vor allen Leuten des Diebstahls beschuldigt, nur weil er geglaubt hatte, auf dem Bildschirm etwas gesehen zu haben.

Und nun? Wir kaufen bei diesem Laden für rund tausend Euro monatlich ein. Aber nicht in diesem Monat. Ich überlege mir sogar, der Leitung eine E-Mail zu schreiben, in der ich erzähle, was passiert ist und betone, wie sie einen Angestellten im Hause haben, der Schaden in Höhe von tausend Euro errichtet hat, und das möglicherweise auf monatlicher Basis. So. Und sollte ich den Laden wieder betreten, könnte ich den Kerl jedes Mal anmachen: ob er sich bewusst ist, dass ich im Laden bin; wollte er mich nicht zur Obstabteilung begleiten - ich könnte auch ihm eine Banane kaufen, die er dann dort schieben könnte, wo die Sonne nicht scheint... usw.

Rache lohnt sich nicht. Also schreibe ich weder eine E-Mail, noch mache ich den Wachmann an. Das wäre doch lächerlich. Aber einkaufen gehen wir bei denen nicht mehr. Damit das klar ist: Ich hasse es, in meinem täglichen Leben überwacht zu werden.

Apropos: das Wir wird es bald nicht mehr geben. Ich habe eine 2 Z. +K -Wohnung für 650 € im Monat inkl. Wasser gefunden und werde sie am 1. November beziehen.