30. Oktober 2012

Gestern Abend gegen 18 Uhr klingelte mein Handy und eine männliche Stimme erklärte sich bereit, mir seine Schulden von 13 € zu zahlen. Die Stimme gehörte einem jungen Mann, den ich vor zwei Wochen an Board gehabt hatte. Seine Karte war dermaßen beschädigt gewesen, dass der Kartenleser sie nicht akzeptiert hatte. Deshalb schuldete er mir nun Geld. Er rief mich vorher an -einige Tage später als ursprünglich geplant- und kam dann zu meiner Haustür, um seine Schulden zu zahlen, was ich wirklich angemessen fand.

Heute war dann ein Betrag von 12,80 € von einer jungen Dame auf mein Konto überwiesen worden. Die Banken hier sind so nett, dass wenn sie ihre Wartungsarbeiten machen, werden diese immer in der Nacht von Samstag auf Sonntag durchgeführt, weshalb keine Online-Zahlungen von Electron-Karten gerade in der Nacht, wo es viel los ist, durchgehen. 

Am vergangenen Wochenende wirkte jedoch die junge Frau, die sich als Skelett geschminkt und eine Pizzapackung auf dem Schoß hatte, so vertrauenserweckend auf mich, dass ich sie, nachdem sie versprochen hatte, mir das Geld umgehend zu überweisen, mit meiner Kontonummer in der Hand laufen ließ. 

Ein Skelett... Also wirklich, ich muss aufhören, meiner Kundschaft blind zu vertrauen. Eines Tages geht es in die Hose.

28. Oktober 2012

Kommunalwahltag heute. Für den Bürger sind sie die bedeutendsten Wahlen überhaupt, und auch ich mache mich jetzt auf den Weg zum Wahllokal. 

Vom Grundsatz her denke ich, es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, einen konservativen Mann zu wählen, aber ob ich meine Stimme einer knallroten Frau geben werde, bezweifele ich genau so.

26. Oktober 2012

Der Turm Näsinneula darf auch mal ein bisschen prahlen. 


Und später in der Nacht fiel der erste Schnee.


Sie sprach mit ihren Worten die unschließbare Lücke zwischen unseren  romantischen Vorstellugen von der Liebe und der Realität, in der oft Kräfte ganz anderer Art unser Handeln bestimmen, an. Sie war mit dem Typen bei mir in Koskikatu eingestiegen, und sie wollten nun gemeinsam nach Tesoma. Beide waren betrunken und kannten sich offensichlicht schon länger. Bald begann sie weinend zu klagen:
"Du liebst mich nicht. Woher weiß ich das? Du kannst nicht einmal laut sagen, dass du mich liebst. Du willst nur mit mir ins Bett. Doch. Aber ich glaube an Liebe. Und ich habe eine kleine Tochter. Wie soll ich ihr beibringen, dass es in dieser Welt Liebe gibt, wenn ich immer mit Arschlöchern wie dir rumhänge? Typen wie du zerstören mehr als ihr wisst. Verstehst du? Du hast keine Ahnung, was du alles kaputt machst! Wie soll meine Tochter je lernen, dass es Liebe gibt? Und trotzdem nehme ich dich jedesmal mit nach Hause."
Und er? Ihm ging die Pointe ganz verloren. Als er endlich am Zug war, begann er:
"Ich? Ich bin ein Arschloch? Ich kann auch aussteigen, wenn das so ist."
Super, dachte ich mir. Gleich dreimal "ich". Ein Vorzeigebeispiel, wie man anderen Leuten zuhört. Als wir dann in Tesoma eingetroffen waren, war wieder Ruhe eingekehrt. Er war doch nicht ausgestiegen und sie wollte immer noch, dass er zu ihr für die Nacht kommt. Er bezahlte mich, sie stiegen aus und gingen danach Hand in Hand ins Haus. Sie hatten sich in der realen Welt gefunden. Ich fand das romantisch. Und die Tochter? Ich war mir sicher, sie würde mit der Zeit ihre eigenen Erfahrungen mit den Männern -oder von mir aus auch mit den Frauen- machen und einsehen, dass im Liebesleben des Menschen Vollkommenheit eine Größe ist, die nicht existiert, obwohl wir zum Streben nach ihr verdammt sind.

24. Oktober 2012

Als Mann weiß ich eben, dass ich mir manchmal einiges von den verbal begabteren Frauen gefallen lassen muss. Bei den ganz alten Frauen hat sich z.B. der Sarkasmus oft zu einer hohen, genießbaren Kunst gereift. Genau wie bei der einen, die ich heute nach Nokia fuhr und die meine erste Bemerkung, die ich nach fünf Minuten Fahrzeit über ich weiß nicht mehr was machte, fröhlich konterte:
"Ach. Ich dachte du wärst stumm, aber das bist du gar nicht!"
Dann fuhr sie fort:
"Ich bin über 80. Ich habe mein gutes Aussehen, mein Sehvermögen, meine Bewegungsmöglichkeit und Kraft verloren. Ich habe nur noch eine bissige Zunge, aber das ist auch alles. Du sollst dich nicht beleidigt fühlen, junger Mann."
Peräseinäjoki, 265,30 €


Ein estischer LKW in Jalasjärvi. Wie hat er das nur geschafft? Zu seinem Glück besitzt jeder zweiter in der Gegend einen Traktor.


Teboil Tankstelle in Hämeenlinna, meine Lieblingsraststatt dort.

Am Montag bekam ich einen Fahrgast vom Bahnhof, den ich zum Uniklinikum fuhr. Einen Mann, der mir erzählte, dass er aus Peräseinäjoki wegen einer kleinen aber raren Operation gekommen war und hoffte, dass er noch am gleichen Tag entlassen würde. Wenn das so war, meinte ich, als wir bereits vorm Uniklinikum standen, und falls sie ihn mit dem Taxi nach Hause schicken würden, sollte er mich anrufen. Lange Touren wären meine Spezialität. Meine Nummer stünde auf dem Beleg. Okay, würde er machen, sagte er und stieg aus. 

Es war fast schon Mittag und ich hatte nichts vom ihm gehört. Ich fuhr zum Stand am Uniklinikum und bekam gleich eine Fahrt fast bis nach Ruovesi. Ja, ihr ahnt schon: als wir unterwegs waren, klingelte es und der Fahrgast von Morgen rief mich an. Mist! Ja, also, ich würde ihn schon abholen, aber es würde eben ein bisschen dauern - eine Dreiviertelstunde etwa. Ich war mir sicher, die dicke Fahrt wäre jetzt weg, denn er hätte schon sehen müssen, wieviele Taxen am Stand standen. "OK", sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Er gehe eben erstmal essen. Super! Ich trat auf das Pedal und legte die Strecke Uniklinikum - Kaanaa - Uniklinikum in Rekordzeit zurück. In einer Stunde war wieder am Uniklinikum, wo ich meinen treuen Fahrgast fand, der das lange Warten sehr gelassen nahm. Sowas käme eben vor manchmal, meinte er. Aber jetzt nichts wie los Richtung Peräseinäjoki!

Gestern war ich in Hämeenlinna, aber die verhältnismäßig lukrativste Tour war die von Prisma Kaleva nach Laalahdenkatu. Eine alte Tante hatte ich an Board, die, als wir in der Zieladresse standen und ich die Uhr bei 11,50 € ausschaltete, mir einen Zwanni gab und sagte, es würde stimmen, wenn ich ihre Einkäufe (zwei kleine Taschen) in den dritten Stock bringen würde. Aber selbstverständlich würde ich das! Ich hätte ihr auch ganz ohne Trinkgeld geholfen, aber sie bestand darauf, dass ich das Geld nehme, also tat ich das auch.

22. Oktober 2012

Die Mutter meiner Kinder und ich haben am Samstag den Kindern von der Trennug und von meinem Auszug erzählt. Alles endete überraschenderweise mit einem gemeinsamen Lachen, als unser ältester Sohn versuchte, die Tragödie in eigene Worte zu fassen:
"Papa macht jetzt einen Urlaub, der nicht zu Ende geht."

19. Oktober 2012

Ist Taxi wirklich teuer? Immer wieder bekomme ich von Fahrgästen zu hören, wie die Taxipreise astronomisch hoch sind und dass eigenes Auto viel billiger gewesen wäre. Ich möchte jetzt nicht auf die Diskussion über Privatautos eingehen, erwähne nur kurz, dass wenn man alle Unkosten eines Privatautos zusammenrechnet, ist es alles anderes als billig.

Aber ist in der Meckerei über die "zu hohen Taxipreisen" auch nicht ein "optischer Fehler", eine erhobene Einstellung eines urbanisierten Menschen drin? Wie bewegt sich der Mensch von Natur her? Mit dem Auto? Mit dem Bus vielleicht? Oder doch mit der U-Bahn? Nein, er geht zu Fuß. 


Wenn es also (wieder einmal) regnet und ich möchte nicht z.B. meine Einkäufe ewig durch die Gegend schleppen, oder wenn nachts keine Busse mehr fahren, ich aber müde bin und keine Lust habe, zu Fuß nach Hause zu gehen, wirken die 1,48 € pro Kilometer auf einmal doch nicht so furchbar hoch. Dann steige ich in ein Taxi (vorausgesetzt, ich kann es mir leisten) und jammere nicht nach meiner Entscheidung über die immerhin transparenten Taxipreise, die im Wagen zu sehen oder auf Nachfrage vom Fahrer erhältlich sind.

17. Oktober 2012

Taxen aus Hanko und Hyvinkää - und auch aus Tampere- vorm Meilahti Krankenhaus in Helsinki 


Eine Kuriosität der Taxitarifordnung in Finnland ist, dass in manchen Fällen die Gebühren sowohl eine Hin- als auch eine Rückfahrt beinhalten. Beispiel: Wenn ich einen Fahrgast von Tampere nach Nokia gefahren habe und er merkt, dass er doch etwas im Büro hat liegen lassen und wir müssen zurück, dann fahre ich ihn die Uhr auf "Kasse" geschaltet bis an die Stadtgrenze Tamperes zurück, wo ich die Uhr wieder einschalte (das ist, wenn wir die gleiche Strecke benutzen wie bei der Hinfahrt). Innerhalb des Gebietes der Stadt Tampere, oder des Ortes, wo die Fahrt begonnen hat, fährt man immer der Taxameter an. Nur wenn eine Ortsgrenze überquert wird, gilt diese Sonderregelung.

Am Montag kurz vor neun Uhr morgens bekam ich einen Fahrauftrag zur Beförderung einer Patientin und ihres Ehemannes zum Meilahti Krankenhaus in Helsinki. In der Abteilung erzählte mir die zuständige Krankenschwester, die Ehepaar habe eine Zahlungsverpflichtung für mich für die Fahrt nach Helsinki. Für die Rückfahrt zwei oder drei Stunden später hätten sie eine Weitere für ein Helsinkier Taxi. Moment mal, dachte ich. Offensichtlich kannte sie die Taxitarifordnung nicht. Ich erklärte ihr, dass zwei Fahrten "zum vollen Preis" den Klinikum doch wesentlich mehr kosten würde, als wenn ich drei Stunden,  jeweils 42 €, in Helsinki warten und die Patientin samt Ehemann danach praktisch kostenlos zurückbringen würde. Na wenn das so war, meinte die Krankenschwester, dann sollte ich eben warten. 

Die Reise dauerte insgesamt knapp über sechs Stunden und kostete 403 €, davon waren 106 € Wartezeit. Eine einfache Fahrt nach Helsinki hätte "nur" 270 € gemacht. Eine klare Win-win-Situation also: Weil ich meinen Mund aufbekommen habe, habe ich 130 € mehr verdient und der Uniklinikum hat 140 € erspart. Vorm Krankenhaus in Helsinki standen dutzende Taxen von außerhalb, die auf ihre Kunden warteten. Das gleiche Bild haben wir täglich in Tampere auch. Das basiert auf diese Sonderheit unserer Tarifordnung. Wenn man von weit genung kommt, ist es billiger, ein Taxi stundenlang warten lassen, als für die Hin- und Rückfahrten zwei Taxen zu benutzen.

Nur als Hinweis für die Geschäftsreisenden: Mal genau überlegen, was sinnvoll ist: ein Tampereer Taxi z.B. für einen Besuch in Papierfabrik in Jämsä zu bestellen und sich während der Fahrt dorthin fürs Meeting vorzubereiten und nachher (womöglich von einem deutschsprechenden Fahrer) entspannt, die Uhr auf Kasse, zurück fahren lassen, oder doch einen sauteuren Mietwagen zu reservieren, den man müde durch ein fremdes Land selbst hin und zurück fahren muss.

14. Oktober 2012

Evijärvi, 437,70 €. Der alte w211 wieder mal ordentlich im Einsatz. 


Ich sitze eindeutig zu viel am Uniklinikum. Am Freitag um 14.09 Uhr bekam ich einen Fahrauftrag, wonach ich einen Fahrgast von Abteilung abholen und fast bis nach Pietarsaari befördern sollte. Sobald ich die Abteilung betreten und mich vorgestellt hatte, sagte der Fahrgast, er hatte mich bereits öfters gesehen. Ach ja? Ja, meinte er. Er sei seit anderthalb Monaten im Krankenhaus, habe mich viele Male gesehen und immer gedacht, ich komme jemanden besuchen.

Ich weiß, dass ich mit den Fahraufträgen schon lange außerordentlich viel Glück gehabt habe, aber dass ich auch unter den Schwerkranken eine bekannte Figur geworden bin, das wusste ich nicht.

Am Freitag verdiente ich jedenfalls gutes Geld, brachte nach der Schicht noch einen geräucherten Lachs mit nach Hause und durfte mich zum ersten Mal seit langem über ein freies Wochende freuen.

10. Oktober 2012

Au weia! Habe mit dem Chef telefoniert. Sein neuer w212 ist von einem Ersatzfahrer demoliert worden. Da ich derzeit Nachtschichten nur an Wochenenden fahre, hatte er irgendeinen Deppen für die Schicht von Sonntag auf Montag gefunden, der dann seine neue Karre in einer Hinterhofeinfahrt in Lielahti in eine Säule fuhr. Jetzt sind beide Türe und der Außenspiegel der Fahrerseite im Eimer. Also muss der alte w211 mit einer Laufleistung von mehr als einer halben Million Kilometer  wieder in den Einsatz. 

Der Alte war beim Ausrasten. Zum Glück hatte ich etwas, womit ich ihn ablenken konnte. Mein ältester Sohn wird  am Donnerstag 10, und am Samstag kommen die Großeltern und andere bekannte Ewachsene zu Besuch. Im Tiefkühlschrank habe ich noch einen Lachs vom Sommer, der jetzt geräuchert werden soll. Der Chef hat einen Räucherofen und für Projekte wie dieses ist er immer bereit. Als wir den Vorgang planten, vergaß er für einen Moment seinen demolierten E-Klasse Mercedes. Am Freitag fahre ich sein Taxi und er räuchert den Lachs für die Geburtstagfeier meines Sohns.

9. Oktober 2012


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Die Blondine sah schon bombastisch aus. Aber sie war so betrunken, dass sie sich auf den Beinen halten konnte nur, weil sie von ihrer Freundin unterstützt wurde. Ich war vom Stand, der keine 50 Meter entfernt war, vor die Tür des "Henry's Pub" bestellt worden, und daher bereits mit stark alkoholisierter Kundschaft gerechnet. Genau das bekam ich dann auch. Die Freundin half der Blondine beim Einsteigen, dann nannte sie eine Adresse in Armonkallio und schloss die Beifahrertür wieder. Wie jetzt? Hängt sie so lange am Leben bis wir dort sind?

"Fahr los! Kannst mich auch in der Y-Strasse absetzten. Ist das gleiche Haus", sagte die Blondine.
Ins Koma war sie also nicht gefallen. Super. Von Hämeenkatu kommt man wegen den ewig dauernden Bauarbeiten in Pellavatehtaankatu schlecht nach Armonkallio. Also fuhr ich auf Rautatienkatu, wo ich das Auto wendete, und fuhr dann weiter über die Kreuzung Richtung Armonkallio:
"Das gefällt alles der Polizei nicht so sehr, aber was kannst du machen?" 
"Es gibt auch ein paar andere Dinge, für die Du bereits einen Knöllchen von mir bekommen hättest", antwortete sie. 
"Zu deinem Berufsbild gehört das Verteilen von Verwarnungen?" 
"Ja..."
Sie versuchte vergeblich ihren Kopf hoch zu halten. Am Ziel fragte sie mich, ob ich vielleicht nicht so lieb sei und mit ihrem Hund kurz rausgehen würde. Nein, so lieb war ich nicht. Aber immerhin fragte ich sie, ob sie jetzt gut nach Hause kommen würde.
"Immer. Und wenn nicht, zum Glück kommst du mich dann retten, oder?"
Klar doch. Ich hielte den Beleg in der Hand; die Nummer für den Notfall wäre da drauf. Ob es meine Nummer war, wollte sie wissen. Nein, die der Firma. Möchte sie meine Nummer haben? Ja, das möchte sie. Hmm, lassen wir es lieber, sagte ich. Möchte sie nun den Beleg oder nicht? Nein, meinte die Detektivin enttäuscht. Wenn sie wissen möchte, welches Taxi sie nach Hause gebracht hat, würde sie diese Information von der Taxizentrale bekommen. Den Beleg dürfte ich behalten. 

Sie stieg aus und bewegte sich wackelig auf den Beinen, aber sehr entschlossen Richtung Hauseingang. Sie war wirklich eine gutaussehende Frau, gar keine Frage. Leider hatte sie einen falschen Beruf und 2 Promillen zu viel Alkohol im Blut für meinen Geschmack.

3. Oktober 2012



Wir werden überwacht. Alle. In Bahnhöfen, auf öffentlichen Plätzen, in Geschäften. Überall gibt es diese Überwachungskameras und irgendwo sitzt immer jemand, der uns beobachtet. Kein Problem, meinen die Befürwörter. Solange man nichts tut, dürften die Kameras einem von keiner Bedeutung sein. Schließlich sorgen sie für Ordnung und mit ihrer Hilfe wird öffentliche Sicherheit gewährleistet. Ganz so rosig ist es aber wirklich nicht. 



Am Sonntag letzter Woche war ich einkaufen in Prisma, in einem Automarkt bei mir in der Nähe, und hatte Fair Trade -Bananen gewogen und in den Korb gelegt, als ein Angehöriger des Wachpersonals angerannt kam. Er legte gleich los, wie auf der Waage die Nummer 15 für die Fair Trade-Bananen ist und die Billigbananen die Nummer 1 haben. Und ich sollte wirklich gut aufpassen, dass ich auf meinen Bananen den richtigen Preis draufklebe.


Ich nahm die Bananen aus dem Korb und zeigte dem Wachmann das Etikett: Fair Trade Bananen.  Dann sah ich rot und begann dieses Arschloch anzubrüllen: Was erlaubt er sich eigentlich, die Leute so zu stalken und sie dann auf diese unerhörte Weise vor allen anderen Kunden zu belästigen? Er will doch behaupten, dass ich stehle, stimmt's? Zuerst versuchte dieser Mann sich mit einer Ausrede zu retten: Er hatte doch nicht geglaubt, ich stehle, er sei nur gekommen, um mir Anweisungen zu geben. "Von wegen Anweisungen, du Arsch", brüllte ich zurück. "Du lügst ja auch noch!" Man habe einen Fehler gemacht, kommt ja vor, versuchte er. "Fahr zur Hölle!" antwortete ich. Wirklich reif von mir, ich weiß. Aber nach gerade mal fünf Stunden Schlaf bin ich wirklich kein netter Mensch und dann dies! Er hatte mich nicht einmal gefragt, ob er meine Einkäufe hätte mal sehen dürfen, sondern mich ohne weiteres vor allen Leuten des Diebstahls beschuldigt, nur weil er geglaubt hatte, auf dem Bildschirm etwas gesehen zu haben.

Und nun? Wir kaufen bei diesem Laden für rund tausend Euro monatlich ein. Aber nicht in diesem Monat. Ich überlege mir sogar, der Leitung eine E-Mail zu schreiben, in der ich erzähle, was passiert ist und betone, wie sie einen Angestellten im Hause haben, der Schaden in Höhe von tausend Euro errichtet hat, und das möglicherweise auf monatlicher Basis. So. Und sollte ich den Laden wieder betreten, könnte ich den Kerl jedes Mal anmachen: ob er sich bewusst ist, dass ich im Laden bin; wollte er mich nicht zur Obstabteilung begleiten - ich könnte auch ihm eine Banane kaufen, die er dann dort schieben könnte, wo die Sonne nicht scheint... usw.

Rache lohnt sich nicht. Also schreibe ich weder eine E-Mail, noch mache ich den Wachmann an. Das wäre doch lächerlich. Aber einkaufen gehen wir bei denen nicht mehr. Damit das klar ist: Ich hasse es, in meinem täglichen Leben überwacht zu werden.

Apropos: das Wir wird es bald nicht mehr geben. Ich habe eine 2 Z. +K -Wohnung für 650 € im Monat inkl. Wasser gefunden und werde sie am 1. November beziehen.

28. September 2012

Kreuzung Vaasantie/Mustajärventie in der Nähe der Gemeindegrenze zwischen Parkano und Jalasjärvi


Wer lange Touren ungerne fährt (solche Fahrer gibt es auch), hätte meine Schicht gestern nicht gemocht: Orivesi, 69 €; Vammala, 87€ und gleich nochmal Vammala, 90€; und zu guter Letzt Seinäjoki, 281,90€.

Am 23. Juni, als Juhannus, Mittsommerfest gefeiert wurde, kamen auf dem Kreuzung im Foto zwei Menschen ums Leben und ein weiterer wurde schwer verletzt, als ein Krankenwagen, der im Einsatz war, das Mopedauto zweier Jugendlicher, das von Mustajärventie auf Vaasantie kam, mit Tempo 150 anfuhr. Die Jugendlichen kamen sofort ums Leben und der Fahrer des Rettungswagens wurde schwer verletzt. Das Sommerhaus von den Eltern der Mutter meiner Kinder (boah, es wird langsam kompliziert!) ist keine zwei Kilomerter von der Stelle entfernt. Wir hörten die Alarmfahrzeuge, und als wir in Nachrichten vom Unfall erfuhren, sank die Stimmung schon in den Keller. Für die Eltern und fürs Dorf war das ein harter Schlag. Drei Monate später brennt an der Kreuzung Nachts immer noch eine Kerze.

22. September 2012

Gestern um Mitternacht war ich erster in Koskikatu, als ein leicht angetrunkener Herr herankam. Er hatte einen Rucksack und eine Plastiktüte bei sich, kam von einer Firmenparty und wollte nun mit seinen Kollegen weiterfeiern. Aber die Wechselklamotten im Rucksack und in der Plastiktüte mussten zuerst entsorgt werden. Für diesen Zweck war Taxi bestens geeignet.
"In der X-Str. 2 steht ein Nissan mit der Nummernschild YYY-111. Fährst du bitte meinen Gear dorthin und setzt ihn einfach mal neben das Auto? Sind 25 € OK?"
25 € waren völlig in Ordnung. Er bezahlte im Voraus und gab mir seine Visitenkarte für den Fall, das Geld würde dann doch nicht reichen. Sollte es weniger werden, dürfte ich den Rest behalten. Ich fuhr los. Am Ziel tat ich wie gebeten und machte die Uhr bei 20,80€ aus. Auftrag erledigt.

19. September 2012

Frage: Wie ist das Frühstück eines finnischen Geschäftsmannes in Tallinn? Antwort: Burana 400 und Irina 500. Mit Burana 400 ist eine Kopfschmerztablette gemeint und mit Irina - hmm, ich sag's lieber nicht, ihr könnt euch das schon denken.

Die Schriftstellerin Sofi Oksanen (die hatte ich übrigens schon mal an Board), deren Mutter aus Estland und Vater aus Finnland stammt, schreibt über die estischen Frauen und ihr Leiden während des 2. Weltkriegs und den Sowjetzeiten. Sie hat sich inzwischen wirklich einen Namen gemacht. Aber sie hat leider den Esten wieder eine Opferrolle zugewiesen, was wenig zu der Tatsache tut, dass bei uns die Esten nicht besonderes beliebt sind.

Die Haltung der Esten ist eine Mischung vom Opfersein, aus den Sowjetzeiten stammende Ist-mir-egal-es-gehört-doch-alles-dem-Staat-Mentalität und Überlebenskamfp in einer neoliberalistischen Dschungel-Gesellschaft, die in den 1990ern die marode Planwirtschaft ersetzte. Was aber in den beiden Wirtschaftsmodellen zu der hohen Kunst des Überlebens gehörte, war und ist das Verarschen der höheren Instanzen, denen man irgendwelche Unterdrückung vorwerfen konnte. Das haben alle, die aus dem ehemaligen Ostblock stammen, gemeinsam. Sofern sind sie alle immer noch "Sowjets". So behaupten zumindest viele Finnen. Opfer, die Null Verantwortung tragen und immer versuchen, alle zu verarschen.

Besonderes gerne verarschen die Esten uns Finnen, wohl wegen unseres sehr viel höheren Lebensstandards und der extrem arroganten Haltung dem feinen Brudervölkchen gegenüber. Auf Baustellen wird gefutscht, unsere Gesetze werden auf keiner Weise respektiert, Schwarzarbeit, Drogenhandel, Nutten, etc.

Und was macht der anständige Finne? Er bildet sich ein, was Feineres zu sein, nur weil er mehr Geld hat, und so gründet er Tochtergesellschaften in Steueroase Estland, verlegt Produktion dorthin und beutet die billige Arbeitskraft endlos aus, finanziert die Drogenhandel und Prostitution, und in Tallinn besäuft und benimmt er sich wie ein Tier und beschimpft zu guter Letzt noch die angeblich dummen Esten. 

Das, was die Menschen auf beiden Seiten des Finnischen Meeresbusens im Alltag erleben, ist etwas völlig anderes als das, was in der Öffentlichkeit gesagt wird. Ich fürchte, mit der andauernden Krise in Europa, wo das Geld nun neu verteilt werden muss, verschärft sich der Ton zwischen den Esten und den Finnen. 

Schade eigentlich.

13. September 2012

Heute zum ersten Mal seit Ende Mai in der Uni. In der Bücherei fand ich ein in gewisser Hinsicht relevantes Buch im Regal stehen, von dem ich gedacht hatte, es wäre in bessere Verwaltung gekommen. Aber sieh an! Da stand es. Ich war verblüfft. Dieses Buch gehörte einmal mir, ich hatte es mir erworben, aber ich wäre eigentlich froh gewesen, wenn ich es heute nicht gefunden hätte. Jetzt steht es wieder bei mir im Regal, dieses Buch, mit dem ich nun irgendwie gar nichts mehr anzufangen weiß.

Ich muss bald ein halbes Dutzend Essays abgeben, und dann gibt es noch den Rest von dem Magister. Ab nächster Woche dreht sich mein Leben um Unibibliothek, Mikrofilmarchiv, Taxifahren und Bett. Klingt wirklich sehr verlockend, nicht wahr?

10. September 2012

Des Chefs neuer Mercedes in Kuortane. Das Bettellicht wird wohl noch durch ein finnisches ersetzt.


Die erste Tour am Freitag ging vom Bahnhof in Tampellan esplanadi 7. Der Fahrgast war ein Student, der Billigwein in einer Plastiktüte hatte und auf Party ging. Versprochen war versprochen, und ich fuhr ihn gratis ans Ziel. Ich erzählte ihm auch warum. Diese vorgetäuschte Großzügigkeit eines Geiers hat anscheinend Frau Fortuna gut gefallen, denn heute gönnte sie mir eine hübsche Fahrt im Wert von 278,50 € nach Alajärvi

Ich wollte eigentlich in dieser Woche gar nicht arbeiten. Aber ihr wisst ja, wie es ab und an mal ist: "Money talks and bullshit walks." Ich habe eine Wohnung gefunden und brauche zusätzliches Geld für die Kaution. Also werde ich in dieser und in kommender Woche mehr fahren als ich ursprünglich plante. Die Bude darf ich bald auch besichtigen, hoffe ich jedenfalls.

5. September 2012


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Ich habe heute die letzte Schicht mit dem alten w211 gefahren, der den Kilometerstand von 552 400 erreichte. Wertarbeit die Kiste, muss man schon sagen. Es gab nie irgendwelche Probleme. Aber jetzt ist der neue E-Klasse Mercedes endlich da und ich darf ihn in Betrieb nehmen am Freitag. Der Chef ist ein dermaßen bescheidener Mensch, dass er das selbst nicht tun will. Um das Glück für den neuen Wagen zu versichern, werde ich den ersten Kunden umsonst fahren, das macht man tradiotionell hier. Nein, natürlich nicht vom Uniklinikum aus, aber immerhin. 


Ich hoffe, dass der neue Wagen genau so viel Glück hat wie der alte. Wo ich mit dem alten überall schon mal war, habe ich auf die Landkarte markiert. Ich habe aus der Erinnerung nur Orte hinzugefügt, die so weit waren, dass der Betrag zumindest ein Mal höher als 80 € war. Deshalb fehlen da z.B. Kangasala, Ylöjärvi Nokia und Hämeenkyrö. Wieviele Male ich am jeweiligen Ort ungefähr war, ist in der Text-Sektion.



4. September 2012

Virrat:

Beginn: 12:49 Uhr
Strecke: 114 Kilometer
Grundgebühr: 5,70 €
Taxa1: 172,20 €
Wartezeit (Apotheke): 14 €
Insgesamt: 191,90 €
Dauer: 109 Minuten, 4 Sekunden
Ende: 14:36 Uhr


Was das Benutzen von Bargeld angeht, lebt man in Mitteleuropa und in den nördlichen Ländern in völlig unterschiedlichen Welten. Wenn man sich beispielsweise in Österreich wagt, mir, dem König Kundenvorzuschlagen, Bares aus dem Geldautomaten zu heben, damit bei der Begleichung der Rechnung möglichst wenig Kosten zu Last des Hotels kämen, wäre bei uns sogar ein kleines Geschäft, wie z.B. ein Kiosk, ohne einen Kartenleser undenkbar. Es würde nicht von heute auf morgen überleben, denn die Menschen würden dorthin gehen, wo der Service stimmt. Zum guten Service gehört das Leben des Kunden möglichst bequem zu machen und nicht das allerwichtigste in der Kaufhandlung, nämlich die freiwillige Übergabe der abgemachten Summe, zu behindern. Das ist nur dumm. Ein entspannter Kunde mit guter Stimmung macht auch Geld locker.

Man kann das Ignorieren von Bargeld auch zu weit treiben. Genau das hat meines Achtens meine Bank getan. Die Filialen von Nordea Bank nehmen landesweit Bargeld nur von 10 bis 13 Uhr entgegen. Alle tun nicht einmal das. In Tampere gibt es nur zwei oder drei Filialen, die überhaupt Bargeld annehmen und von denen nur eine den ganzen Tag lang von 7:30 bis 17:30 Uhr. Und dabei soll es sich um ein GELDinstitut handeln!


Heute in Virrat musste ich unbedingt Bargeld loswerden. Blöderweise hatten sie keinen Kassendienst mehr, denn es war fast schon 15 Uhr. Aber eine der Damen war so nett, dass sie die Vorschriften ihres Arbeitgebers für einen Moment bei Seite ließ und ich durfte 200 € auf mein Konto einzahlen. Für sowas muss man im heutigen Finnland dankbar sein. Unglaublich!

2. September 2012



Herrn Murphy kennt ihr alle? Ich auch. Obwohl ich gestern versuchte, im Stadtgebiet zu bleiben, steuerte ich den Mercedes in frühen Morgenstunden durch den Regen Richtung Pälkäne. Es war dunkel, wie man es in der Stadt gar nicht kennt, und das Licht von den Scheinwerfern wurde von der nassen und schwarzen Straße gefressen. Das Fernlicht half auch wenig, weil es so heftig regnete, dass eine weiße Wand vor meinen Augen entstand, sobald ich das Fernlicht einschaltete. Super, dachte ich mir, es fehlt nuch noch der Elch.

Aber was konnte ich machen? Die drei Herren waren am Bahnhof bei mir eingestiegen und ihr Ziel mit einem Wort angegeben:
"Pälkäne."
Da sie nicht versucht hatten, den Preis herunterzuhandeln und ich hatte das Gefühl bekommen, sie seien anständige, zahlungskräftige Bürger, hatte ich keinen Grund gehabt, mich zu verweigern. Also fuhr ich sie nach Pälkäne. Um sonst brauchte ich das natürlich nicht machen. Am Ende wurde daraus eine Fahrt von 77 €, was meinen Umsatz in die Höhe trieb, und als ich um halb sechs Schluss machte, war ich 387 Kilometer verfahren und hatte dabei 538,40 € verdient - ohne einen Elch angefahren zu haben.

Eine Kuriosität passierte gestern auch noch. Ich fuhr einen jungen Herren in Pellervonkatu 24. Vor dem Hochhaus bezahlte er und stieg aus. Und im gleichen Moment kam ein Auftrag über den Datafunk durch: Pellervonkatu 24. Im Prinzip wäre es erlaubt gewesen, die Uhr gleich anzumachen, aber da ich wusste, die Kundschaft ginge davon aus, es würde eine Weile dauern, bevor ein Auto da wäre, wartete ich, bis sie aus dem Haus kamen und bei mir einstiegen, und startete den Taxameter erst dann. Mensch, ich bin so ein netter Kerl manchmal!